Dienstag, 6. Juli 2010

die Pilgerin

Das Foto der Pilgerin von Ernst Barlach hängt an meinem Schreibtisch und begleitet mich jeden Tag. In den letzten Tagen habe ich aber besonders oft an unseren Pilgerweg im letzten Jahr zurück gedacht. Den folgenden Text habe ich dabei auf einem Berg als Impuls vorgelesen und jede meiner Mitpilgerinnen hielt das Foto zur Betrachtung in der Hand.


Wir schauen auf die Pilgerin, die in dem Fries der Lauschenden von Ernst Barlach unter anderem in einer Reihe mit der Träumenden, dem Gläubigen und dem Wanderer steht.

Ist die Pilgerin schon am Ziel? Oder gibt sie sich einfach zwischendurch den Strahlen der Sonne hin? Sie steht gesammelt da. Die Augen sind bis auf einen winzigen Spalt geschlossen. Ihr Antlitz ist leicht nach oben gewandt. Alles an ihr öffnet sich: der Überwurf, die nebeneinander gestellten Füße, das Gesicht. Der Hut verweist auf das Behütetsein und darauf, in wessen Schutz sie sich beim Pilgern geborgen weiß.
Ist Pilgern ein lebenslanges Unterwegssein? Immer wieder loslassen, neu aufbrechen, nirgends lange bleiben, allein und mit anderen zusammen sich wieder aufmachen? Es ist beglückend, ans ersehnte Ziel zu kommen.

„Du darfst es nicht verzwecken“ höre ich die Pilgerin sagen. „Es geschieht absichtslos und trägt seinen Sinn in sich. Pilgern beginnt immer bei dir selber. Du mußt losgehen. Es ist zunächst eine Sache deines Körpers und deiner Seele. Müdigkeit, Muskelschmerzen, Durst sind die äußeren Zeichen einer Umstellung. Du entdeckst, mit wie wenig du auskommst. Zu Beginn hast du noch zuviel bei dir, äußerlich wie innerlich. Mit der Zeit läßt du einiges los, weil es zu schwer wird oder weil es überflüssig ist. Vielleicht fällt es dir leichter, mit anderen zusammen zu pilgern. Zu zweit im Schweigen gehen. Dabei über ein Wort nachdenken. Hernach im Weiterschreiten darüber sprechen. Das tut gut. Mit der Zeit wird das Pilgern zur zweiten Natur. Und das Geheimnis ist: Der Weg ist schon das Ziel.“z.T aus: Wie die Träumenden, "Fries der Lauschenden" Im Gespräch mit Ernst Barlach von Ueli Ott

Kommentare:

  1. Ich mag die Skulpturen von Barlach sehr. Mit den Lauschenden verknüpfe ich ganz bestimmte Erinnerungen, die heute durch deinen Post sehr lebendig werden.
    Liebe Grüße, Verena

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  2. Liebe Birgitt, das ist ein sehr aktuelles Thema und "In sich gehen" ist immer mal von Nöten!!

    Denn jeder Tag hat wahrhaftig „seine eigene Mühe und Plage“ und ich finde mit der hilfe des lebendigen Gottes, bewältigt man diese Hürden des ALLTAGS viel besser.

    Herzlichst
    Barbara

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  3. Ein sehr schöner Text mit der passenden Collage. LG Inge

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  4. Die Klosterkirchenfassade neben der Schule meiner Tochter ist mit zahlreichen Figuren von Barlach versehen. Habe sie schon lange nicht mehr bewusst wahrgenommen. Vielen Dank fürd Aufmerksam machen.
    Liebe Grüße aus dem lieben Land

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  5. Liebe Birgitt,

    freut mich, daß dir mein Küchenblog gefällt. Wandern ist ja so gar nicht mein Fall. Aber der text ist super, genauso stelle ich mir Pilgern vor.

    GGLG Anne

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Ich bin erfreut und wünsche dir einen guten Tag.